Flüchtlingshilfe - Ihr Besuch Wetzlarer Flüchtlingscamp am 24.08.2015

Offener Brief an den Ministerpräsidenten Volker Bouffier

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident,

vielen Dank für Ihren Besuch im Wetzlarer Camp am 24. August 2015 und für die umfangreiche Unterstützung der Flüchtlinge durch das Land Hessen. Die Schwierigkeiten und die Herausforderungen durch die große Menge an Menschen für die Behörden verstehen wir sehr gut. Um so mehr braucht es auch die Ehrenamtlichen, die Unterstützung und Hilfe in vielen Bereichen bringen – Spenden, Zeit, Gespräche, aber auch einfach nur da sein für den Mitmenschen in der Not. Als Kirche und Diakonie/Caritas haben wir sehr viel Erfahrung darin, hier richtig zu helfen und tun das gern. 

Die katholische Kirche Wetzlar, die evangelische Kirche Wetzlar, die Freie evangelische Gemeinde Wetzlar und die Königsberger Diakonie haben für die Menschen im Camp sechs verschiedene Willkommen-Cafés eingerichtet, in denen jede Woche insgesamt bis zu 300 Menschen begrüßt werden können – wir bieten ihnen Ruhe und etwas Abwechslung, eine freundliche Umgebung und ein liebes Wort. Es gibt Deutschkurse, Spielprogramme für die Kinder, Dusch- und Waschgelegenheit für die Frauen, es werden Hygieneartikel verteilt, unsere Kleiderkammern und Tafelläden stehen offen, vor allem aber werden seelsorgerliche Gespräche mit den Menschen geführt, die von Flucht und Vertreibung belastet sind. Viele Flüchtlinge feiern mit uns Gottesdienste, in denen Simultanübersetzungen angeboten werden. Mit der Aktion WUNDERTÜTE werden Spielsachen und Kleidung für die etwa 200 Kinder im Camp verteilt, die Spendenbereitschaft der Wetzlarer ist überwältigend. Über 200 Helfer unterstützen diese organisierte Arbeit. Darüber hinaus gibt es viel Gastfreundschaft und Hilfe im Einzelfall bei unseren Gemeindemitgliedern und Mitarbeitern. Für diese Hilfsbereitschaft und Willkommenskultur in Wetzlar müssen wir alle dankbar sein; das ist nicht selbstverständlich.
Über eine Kooperationsvereinbarung mit der Stadt Wetzlar und dem Lahn-Dill-Kreis haben wir unsere ehrenamtliche Arbeit professionalisiert - und das seit dem Jahr 2013. Mit über 300 ehrenamtlichen Mitarbeitenden begleiten und betreuen wir in Abstimmung mit den Partnern bereits knapp 2.000 Flüchtlinge, die in Kommunen des Lahn-Dill-Kreises untergekommen sind. Die dafür notwendigen Strukturen haben wir und können darauf auch für die Arbeit im Camp zurückgreifen.

Der große Andrang fordert aber auch uns heraus. Die Cafés sind gedacht für jeweils 20 bis 30 Menschen und nicht für 50 bis 60, und immer müssen wir jemanden abweisen. Dabei organisieren wir Speisen und Getränke, Fahrtdienst und Betreuung – alles ehrenamtlich und verlässlich jeden Tag und jede Woche. Den Zugang zu unseren Tafelläden und Kleiderkammern müssen wir mittlerweile steuern; die Nachfrage von den Flüchtlingen ist zu groß, denn auch für die Bedürftigen in Wetzlar muss etwas übrigbleiben.

Von Ihrem Besuch in Wetzlar sind wir daher auch enttäuscht.

Zwar haben Sie sich für die Arbeit der Ehrenamtlichen bedankt, aber die anwesenden Pfarrer und Seelsorger, die die Situation der Flüchtlinge und die Probleme im Camp aus der täglichen Arbeit kennen, durften noch nicht einmal mit Ihnen ins Camp, sondern mussten mit der Presse vor dem Tor warten. Eine deutlichere Anerkennung dieser für die Menschen und den Frieden im Camp wichtigen Arbeit wäre sehr schön gewesen. Stattdessen klang es in den anschließenden Pressestatements fast so, als ob die Arbeit der Ehrenamtlichen eher als störend für den Ablauf und überhaupt nebensächlich empfunden wird. Das ist leider auch manchmal der Eindruck bei unseren Gesprächen mit den Verantwortlichen für das Camp.

Dabei könnten wir noch sehr viel mehr und gezielter helfen:

  • Warum dürfen wir von Händlern gespendetes Mineralwasser (originalverpackt) nicht den Menschen im Camp zur Verfügung stellen?
  • Warum wird die Initiative der Markthändler gemeinsam mit Händlern des Großmarktes Frankfurt, wöchentlich einmal frisches Obst für alle Flüchtlinge zu spenden, abgelehnt? 

Das sind nur einzelne Beispiele, die die Lage im Camp aber bereits verbessern würde. Darüber muss gesprochen werden! Und Sie müssen die Voraussetzungen für Gespräche mit den Verantwortlichen schaffen! Die Folgen von Flucht und Trauma, die Unterbringung auf beengtem Raum und die Ungewissheit über die Zukunft können schnell zu weiteren Spannungen im Camp führen. Es braucht daher zusätzlich die ehrenamtliche und seelsorgerliche Arbeit für die Flüchtlinge; das Land und die Behörden können nach unserer Einschätzung im Augenblick die Probleme nicht alleine bewältigen.

„Nach dem Gespräch mit dem Ministerpräsidenten und seiner kurzen Antwort an den AK Flüchtlingshilfe bleiben konsternierte Ehrenamtliche zurück“, so heißt es im heutigen Artikel der Wetzlarer Neuen Zeitung. Das ist kein ermutigendes Zeichen an die Wetzlarer Bürgerinnen und Bürger, die sich engagieren wollen! Zur Willkommenskultur gehört es auch, die Menschen im Camp und in der Stadt in Kontakt zu bringen und dazu das bürgerliche Engagement anzunehmen. Wir möchten daher noch einmal unsere Hilfe und Erfahrungen anbieten und stehen für Gespräche mit Ihnen und den Verantwortlichen für das Camp weiter zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen

Diakon Harald Würges und Bettina Twrsnick, Arbeitskreis Flüchtlingshilfe e. V.
Pfarrer Peter Kollas, Katholische Domkirchengemeinde Unserer Lieben Frau Wetzlar
Kirchmeister Jens-Michael Wolf, Evangelische Kirchengemeinde Wetzlar
Pastor Thomas Schech, Freie evangelische Gemeinde
Pfarrer Jörn Contag, Königsberger Diakonie

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