„Wir haben hohe Hygienestandards“

Lahn-Dill-Kliniken beziehen Stellung zum Thema „MRSA-Keime“

Wetzlar (spa). In einem Beitrag des ARD-Magazins „Report“ über die Folgen steigender Keimbelastungen in deutschen Kliniken und deren Auswirkungen hatte das Krankenhaus in Wetzlar eine ebenso negative Erwähnung gefunden wie in verschiedenen Veröffentlichungen heimischer Zeitungen. Gestern sah sich die Leitung der Lahn-Dill-Kliniken veranlasst, zu den in den Beiträgen geäußerten Vorwürfen Stellung zu beziehen. „Die Menschen brauchen keine Angst zu haben, dass sie in unseren Krankenhäusern notorisch verkeimt werden“, stellte Landrat Wolfgang Schuster am Donnerstagmittag im Rahmen eines Pressegesprächs ausdrücklich klar. Der Aufsichtsratsvorsitzende der Lahn-Dill-Kliniken und deren Geschäftsführer Richard Kreutzer übereinstimmend: „In der jüngsten Negativberichterstattung der Medien, die hier für einige Aufregung gesorgt hat, finden wir uns nicht wieder.“

Unterstützt vom Ärztlichen Direktor des Klinikums Wetzlar-Braunfels und Chefarzt der Medizinischen Klinik II am Klinikum Wetzlar, Priv. Doz. Dr. Erich Lotterer, und Dr. Friedrich Tilkes (Institut für Krankenhaushygiene und Infektionskontrolle, IKI, in Gießen), zeigten Schuster und Kreutzerausführlichauf,dass sich die Lahn-Dill-Kliniken, die pro Jahr rund 40.000 Menschen stationär aufnehmen, „ständig dem Thema Hygiene stellen“. Der eindringliche Hinweis des Landrats: „Wir haben hier hohe Hygiene-Standards.“ In einem TV-Beitrag hatte „Report Mainz“ das Schicksal zweier Patienten geschildert, die sich während eines Klinikaufenthalts – unter anderem im Klinikum Wetzlar – mit einem Krankenhauskeim infiziert haben sollen und kurz darauf entlassen wurden. Einer dieser Patienten  habe sich in der Folge 20 Operationen unterziehen müssen. Zudem, so der Vorwurf an die Krankenhäuser, würden Patienten in bedenklichem Zustand – im Fachjargon „blutig“ – mit Keimen aus den Kliniken entlassen. Der  Aufsichtsratsvorsitzende Wolfgang Schuster unterstrich zunächst, dass es „keine Anweisung des Eigentümers“ der Lahn-Dill-Kliniken gebe, „die Leute so schnell wie möglich“ aus dem Krankenhaus „rauszuschmeißen“, um Kosten zu sparen. „Das sind immer medizinische Einzelfallentscheidungen“, stellte der Landrat klar.

Von Experten war dem Krankenhaus unter anderem das Streben vorgeworfen worden, Patienten nach einer Operation mit Blick auf die Ausgaben so schnell wie möglich und direkt nach der Mindestverweildauer zu entlassen – und dabei nicht so genau hinzuschauen, ob der jeweilige Patient eventuell ein Infektionsproblem aufweist. 

„Man kann nicht die Hand dafür ins Feuer legen, dass gar keine Fehler passieren“

Allerdings, so zeigte Schuster auch auf, müssten sich die 1375 Beschäftigten der kreiseigenen Krankenhäuser um 40.000 Patienten jährlich kümmern. „Da“, so der Landrat wörtlich, „kann man nicht die Hand dafür ins Feuer legen, dass gar keine Fehler passieren“. Das gestrige Pressegespräch sei, so Geschäftsführer Richard Kreutzer erläuternd, auch anberaumt worden, um zu zeigen, „dass wir nichts zu verheimlichen haben“. Landrat Wolfgang Schuster entschieden: „Wir wollen uns da nicht ins Schneckenhaus zurückziehen, sondern müssen aufklären.“ Die Anstrengungen der kreiseigenen Krankenhäuser, dem Thema „Hygiene“ die notwendige  Aufmerksamkeit zu widmen, erläuterte Dr. Friedrich Tilkes vom IKI in Gießen, das die Lahn-Dill-Kliniken in diesem Bereich seit Jahrzehnten betreut. „Wir beraten das Haus seit 20 Jahren“, berichtete Tilkes und stellte den erheblichen personellen und organisatorischen Aufwand dar, den die Kliniken und sein Institut dem Thema Hygiene“ widmen. Entsprechend der Hessischen Hygieneverordnung ist an den Lahn-Dill-Kliniken eine Hygienekommission etabliert, die regelmäßig tagt. Die Zusammensetzung des Hygienefachpersonals entspricht den Vorgaben der Hessischen Hygieneverordnung. Zusätzlich haben sich 22 Mitarbeiter der Lahn-Dill-Kliniken in der Pflege zu „Hygienebeauftragten der Pflege“ weiter gebildet. Zudem verfügt die Klinik über drei Ärzte, die Krankenhaushygieniker sind. 14 hygienebeauftragte Ärzte sind mit dem entsprechenden Kurs ausgebildet. Für technische Fragestellungen stehen drei Ingenieure mit einer Ausbildung im Bereich Hygienetechnik zur Verfügung.

Die externe Beratung der Lahn-Dill-Kliniken erfolgt durch PD Dr. med. Pitten, der die Qualifikation als Facharzt für Hygiene und Umweltmedizin aufweist. Die Beschäftigten der kreiseigenen Krankenhäuser unterziehen sich auch regelmäßigen Fort- und Weiterbildungen. Allgemeine Hygienethemen kommen dabei ebenso zur Sprache wie der Umgang mit MRSA-Patienten, die Hygiene im OP und der Umgang mit Menschen, die eine Noro-Virus-Erkrankung haben. Ferner werden an allen drei Standorten der Lahn-Dill-Kliniken regelmäßige Aktionstage zur Händehygiene durchgeführt. IKI-Sprecher Dr. Friedrich Tilkes betonte in diesem Zusammenhang die Bedeutung einer gewissen „Basis-Hygiene“ zur Keimvermeidung und widersprach zugleich dem Eindruck, „dass man“ aus Angst, sich mit sogenannten Krankenhauskeimen zu infizieren, „nicht mehr in deutsche Krankenhäuser gehen“ dürfe. Statistiken zufolge infizieren sich derzeit pro Jahr rund 800.000 Patienten deutschlandweit mit Krankenhauskeimen. Wird ein solcher Keim während des Klinikaufenthalts festgestellt, müssen die MRSA-Patienten isoliert mit Antibiotika behandelt werden. „Bei uns gibt es keine Keime, die besonders häufig auftreten“, erklärte der Ärztliche Direktor des Klinikums Wetzlar-Braunfels, Priv. Doz. Dr. Erich Lotterer. In einem speziellen Ranking der Krankenhäuser würden die Lahn-Dill-Kliniken im positiven Sinn sogar „besser als der Durchschnitt liegen“. Oder anders ausgedrückt: In den heimischen Kreiskrankenhäusern infizieren sich weniger Menschen als im Durchschnitt mit den gefährlichen MRSA-Keimen.

25 Prozent der Erkrankungen mit Keimen in Kliniken sind vermeidbar 

Darauf, dass die Menge der in den Lahn-Dill-Kliniken erworbenen Keime „zurückgeht“, verwiesen Geschäftsführer Richard Kreutzer und IKI-Sprecher Dr. Friedrich Tilkes. Zudem, so Tilkes weiter, seien „MRSA-Keime“ als solches „nichts Dramatisches“. Ein Großteil der Menschen trage diesen Keim in sich. Die Aufgaben seines Instituts und der Kliniken sei es jedoch, „dafür zu sorgen, dass die Zahl der in den Kreiskrankenhäusern erworbenen Keime zurückgeht“. Tilkes: „Aktuellen Expertenmeinungen zufolge, sind 25 Prozent  dieser Keimerkrankungen vermeidbar.“ Allerdings müsse man sich in diesem Zusammenhang auch immer wieder vor Augen halten, dass „80 bis 90 Prozent aller Infektionen aus dem Körper des Patienten selbst“ stammen würden. Dass das MRSA-Problem auch dadurch verschärft wird, dass „viele Ärzte Antibiotika viel zu schnell verschreiben“, erklärte schließlich Dr. Erich Lotterer. Die Folge sei eine „Multiresistenz“ bei immer mehr Patienten. So gebe es unter dem Strich „dann tatsächlich nur noch wenige Antibiotika, die dem Menschen helfen“. Der Ärztliche Direktor beschrieb zugleich die Kriterien, nach denen an den Lahn-Dill-Kliniken direkt bei der stationären Aufnahme ein MRSA-Screening durch den Abstrich beider Nasenvorhöfe und des Rachens erfolgt. Diesem Screening würden aktuell Patienten mit bekannter MRSA-Anamnese, Patienten aus Regionen mit hoher MRSA-Prävalenz, enge Kontaktpersonen von MRSA-Trägern, Patienten mit direktem beruflichem Kontakt zu Tieren in der landwirtschaftlichen Tiermast, Betroffene, die in den zurückliegenden 12 Monaten eine längeren stationären Krankenhausaufenthalt hinter sich hätten, sowie Patienten mit bestimmten Risikofaktoren unterzogen. Das Ergebnis dieser Tests kann im Idealfall „innerhalb von zwei bis vier Stunden“ vorliegen. Der Hinweis von Dr. Friedrich Tilkes: „Die Lahn-Dill-Kliniken sind da mit dem Labor direkt am Haus gut aufgestellt.“ Um sich im Bereich „Hygiene“ für die Zukunft noch besser zu wappnen, aber auch, um die Mitarbeiter aus der Schusslinie“ zu nehmen, kündigte Geschäftsführer Richard Kreutzer schließlich an, dass die Lahn-Dill-Kliniken sich schon bald um den Erhalt eines speziellen „Gütesiegels Hygiene“ bemühen werden. Zudem, so Landrat Wolfgang Schuster, gibt es an den Schnittstellen der Bereiche „Hausarzt, Pflege, Klinikum offenbar Dinge, wo wir noch mehr nachhaken müssen“. Die abschließende Versicherung des Kreis-Verwaltungschefs und Aufsichtsratsvorsitzenden: „Das werden wir machen, denn Sie können sich sicher sein, dass wir aus Kritik lernen.“


Stichwort:

MRSA-Keime MRSA steht für Methicilinresistente Stapyhlococcus aureus. Es sind Keime, die beim Menschen unter anderem Wundinfektionen und Entzündungen der Atemwege hervorrufen können und gegen bestimmte Antibiotika resistent sind. Möglich ist auch, dass Menschen die Keime zwar tragen, aber nicht erkrankt sind. Infektionen mit MRSA treten am häufigsten in Krankenhäusern auf, vor allem auf Intensivstationen. Sie werden umgangssprachlich auch „Krankenhauskeime“ genannt. Gehäufte MRSA-Fälle müssen dem Gesundheitsamt gemeldet werden. (Quelle: Bundesinstitut für Risikobewertung)

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