Pressespiegel & Aktuelles

Pressespiegel & Aktuelles - Archiv von Wolfgang Schuster

Beachten Sie bitte, dass dieser Artikel vor 3374 Tagen veröffentlicht wurde.

„Auch kommunale Krankenhäuser sind zukunftsfähig“

RHEIN-MAIN ZEITUNG, SAMSTAG, 28. FEBRUAR 2015

Mit 1700 Betten wird nach dem Zusammenschluss des Gesundheitszentrums Wetterau (GZW) mit den Lahn-Dill-Kliniken der größte hessische Klinikverbund neben der Nordhessen Holding entstehen.

Die kommunalen Klinikverbünde der Wetterau und des Lahn-Dill-Kreises sollen unter einer Dachgesellschaft zum Gesundheitszentrum Mittelhessen (GZM) zusammengeführt werden. Wäre eine Fusion nicht vorteilhafter?

Vorteile ergeben sich schon unter einer Dachgesellschaft, weil mit Kostenträgern, Versicherern, Zulieferern und Versorgern günstigere Konditionen ausgehandelt werden können. Eine Fusion jetzt wäre eine Überforderung der politischen Gremien und ein zu radikaler Schritt. Erst muss Vertrauen aufgebaut werden.

Bleiben die Klinikverbünde eigenständige Gesellschaften, damit man sich leichter wieder trennen kann?

Das ist nicht die Absicht. Die politischen Gremien sollen ihren Einfluss behalten. Es ist auch eine Absicherung: Sollten die Kliniken Defizite erwirtschaften, müssten diese von den kommunalen Gesellschaftern übernommen werden.

Einkaufsgemeinschaften und Kooperationen mit anderen Kliniken gibt es schon. Worin besteht also der Mehrwert des Zusammenschlusses?

Der Mehrwert ergibt sich beim Blick auf die drei Krankenhaustypen: die privaten, die frei-gemeinnützigen – wie etwa die kirchlichen – und die öffentlich-rechtlichen Kliniken. Viele private und kirchliche Krankenhäuser haben sich zu wirtschaftlich gut funktionierenden Gesundheitskonzernen zusammengeschlossen. Die kommunalen Krankenhäuser agieren oft noch als Einzelkämpfer. Ihnen fehlen die Verhandlungsmacht und der Skaleneffekt beim Einkauf. Der Kleinste in diesem Dreigestirn zu sein ist auf Dauer riskant, führt zur Übernahme oder Verdrängung.

Warum sind Ihrer Ansicht nach Klinikverbünde erforderlich?

Der Anspruch der Öffentlichkeit ist heute nicht mehr: Jedes Krankenhaus kann alles. Tante-Emma-Krankenhäuser sind nicht glaubwürdig. Einzelne Kliniken können sich nicht auf jedem Fachgebiet Spezialisten leisten. Um Patienten mit den modernsten Methoden zu behandeln, muss in klinikübergreifenden interdisziplinären Netzwerken gearbeitet werden. Höhere Fallzahlen machen zudem das Benchmarking mit anderen Klinikverbünden und damit eine umfassende Qualitätssicherung erst möglich.

Warum sollen sich gerade die Kliniken des Lahn-Dill- und des Wetteraukreises zusammentun?

Weil die beiden Regionen geografisch benachbart sind. Das macht standortübergreifende medizinische Leitungsstrukturen einfacher. Die Lahn-Dill-Kliniken sind aus Wetterauer Sicht auch deshalb der ideale Partner, weil sie ebenfalls schwarze Zahlen erwirtschaften und nicht überschuldet sind.

Liegt das daran, dass die Kreise die Kliniken unterstützt und zum Beispiel Klinikneubauten finanziert haben?

Dafür ist das Land zuständig. Es liegt nicht daran, dass die Kliniken subventioniert wurden. Diese Krankenhäuser haben in der Vergangenheit gut gewirtschaftet. Das GZW ist wirtschaftlich gesund, weil schon vor einigen Jahren ein Klinikverbund entstanden ist, in dem die Chefärzte der einzelnen Standorte abgestimmte Kompetenzen haben. Ein Kardiologe, Darmspezialist, Onkologe, Pneumologe, Diabetologe ist mit seinen Oberärzten jeweils für den gesamten Verbund verantwortlich.

Die Ärzte bewegen sich zum Patienten und nicht umgekehrt?

Ja, das System ist patienten- und nicht arztzentriert: Die spezialisierten Fachärzte bewegen sich zwischen den Kliniken. Sie werden von residenten medizinischen Universalisten unterstützt. Dieses Prinzip soll auch auf den geplanten größeren Klinikverbund übertragen werden. Zudem wird es Schwerpunktkrankenhäuser geben für Patienten mit besonderen Erkrankungen wie etwa Gefäßerkrankungen, Inkontinenz, Neurogeriatrie, Schmerztherapie oder Diabetologie.

Das heißt aber auch, dass Patienten weitere Wege in Kauf nehmen müssen?

Bei komplexen diagnostischen oder chirurgischen Prozeduren erwarten die Patienten schon lange nicht mehr, dass überall alles angeboten wird. Das System soll aber durch seine Flächendeckung die wohnortnahe Versorgung eher verbessern.

Wie sieht das medizinische Konzept aus? Ist es schon ausgehandelt?

Erste Gespräche wurden sowohl in der Wetterau als auch im Lahn-Dill-Kreis geführt. Mit dem medizinischen Konzept wird sich künftig eine Steuerungsgruppe beschäftigen. Es wird keinem Chefarzt irgendetwas weggenommen. Wenn Chefärzte in den Ruhestand treten, werden wir künftig gemeinsam darüber nachdenken, ob es sinnvoll ist, medizinische Schwerpunkte zu verändern.

Sind gemeinsame Servicegesellschaften etwa für Küche oder Apotheke geplant?

Es gab in Wetzlar die Sorge, dass die Klinikküche mit der Gourmet-Werkstatt in Bad Nauheim, einem Tochterunternehmen des GZW, zusammengelegt wird. Die Politiker haben aber beschlossen, an der derzeitigen Struktur nicht zu rütteln. Ansonsten wird man natürlich jedes sinnvolle Synergiepotential heben.

Könnte das Projekt noch ins Stocken geraten wie in Frankfurt oder scheitern?

Ich hoffe nicht, dass das Projekt jetzt noch scheitert. Aber kommunale Krankenhäuser haben es in der Tat viel schwerer als andere. In den Verhandlungen zeigen sich immer wieder Zielkonflikte, geleitet auch von sachfremden Motiven. Die meisten öffentlich-rechtlichen Projekte scheitern wegen Streits unter den juristischen Beratern beider Seiten, fehlender Konfliktlösungskompetenz, politischem Antagonismus und der Kernfrage, wer am Ende was zu sagen hat.

Was ist mit den Politikern?

Wir haben hier auf beiden Seiten sehr erfahrene Strategen in der Gesellschafterrolle. Ihnen war von Anfang an klar, dass es eine betriebswirtschaftliche und eine psychologische Komponente der Kommunikation gibt. Fragen nach der wirtschaftlichen Effizienz des Zusammenschlusses müssen ebenso beantwortet werden wie emotionale Fragen der Öffentlichkeit oder der Mitarbeiter. Es kommt auf überzeugende Argumente und glaubwürdige Leute an, die auf Parteien, Fraktionen, Gremien und Betriebsräte zugehen.

Oft scheitern Verbundlösungen an Eitelkeiten der Chefärzte.

Ja, sie müssen das Vorhaben mittragen. Chefärzte sind nicht nur Mediziner, sondern auch kraftvolle Kommunikatoren.

Wie haben bisher die Ärzte in Wetzlar die Entscheidung aufgenommen, dass Sie Ärztlicher Leiter werden sollen?

Mit meinem künftigen Stellvertreter Norbert Köneke, dem Ärztlichen Direktor der Lahn-Dill-Kliniken, verstehe ich mich bestens. Ansonsten muss ich in dieser Position natürlich um Vertrauen werben. Mit vielen der Kollegen verbindet mich im Übrigen eine langjährige vertrauensvolle Zusammenarbeit.

Sie sind Universitätsprofessor, Klinikdirektor in Gießen, Ärztlicher Direktor in der Wetterau und einiges mehr. Bürden Sie sich nicht zu viel auf?

Das ist bislang kein Problem, weil ich nicht allein arbeite, sondern ein Teamplayer bin. In Amerika ist diese Art von „Cosourcing“ in Medizin und Wissenschaft absolut normal. Die Rolle erlaubt die dringend notwendige Integration von Wissenschaft, Krankenversorgung und regionaler Clusterpolitik.

Aber auch Ihr Tag hat nur 24 Stunden.

Es entstehen in solchen Verbünden aber auch für mein Zeitmanagement positive Synergieeffekte, die das Ganze nicht nur möglich machen, sondern sogar erleichtern.

Was reizt Sie daran?

Als Landes-Beamter und Mitglied des Wirtschafts- und Zukunftsrats habe ich die Chance, die Landesregierung gesundheitspolitisch zu beraten. In diesem Zusammenhang war ein Anliegen des Sozialministers und der Stadt Offenbach, dass ich den Verkauf des Klinikums in Offenbach umsetze. Es ist mir aber im Grunde ein großes Anliegen zu zeigen, dass auch kommunale Krankenhäuser zukunftsfähig sind und auf Augenhöhe mit anderen agieren können.

Wie wird sich die Zusammenarbeit mit den Universitätskliniken gestalten?

Die Universitätskliniken werden wir weiter brauchen als Kooperationspartner und Ausbildungsstätte. Spezialfächer wie die Schwerionentherapie, Neurochirurgie, Pädiatrie oder Kardiochirurgie werden in einem abgestimmten Regionalkonzept weiterhin nur von den Maximalversorgern vorgehalten. Mit den Universitätskliniken muss man sich unabhängig vom Betreiberstatus immer vertragen.

Aber es ist nicht geplant, irgendwann einen Verbund mit dem Universitätsklinikum Gießen-Marburg zu bilden?

Das geht nicht, weil das Universitätsklinikum dem privaten Krankenhauskonzern Rhön gehört, das GZM aber in oberster Priorität den Erhalt der kommunalen Trägerschaft verfolgt.

Lassen Sie uns in die Zukunft blicken: Kommt es in fünf Jahren zu einer Fusion der beiden Klinikverbünde?

In fünf Jahren kann eine Fusion wahrscheinlicher geworden sein. Auf jeden Fall werden in den einzelnen Krankenhäusern neue Schwerpunkte und mehr interdisziplinäre Zentren entstehen.

Wollen Sie die Fallzahlen steigern?

Wir wollen nicht Patientenzahlen um jeden Preis steigern, sondern ambulant-stationäre Zukunftskonzepte gemeinsam mit den niedergelassenen Ärzten entwickeln. Es geht darum, den Versorgungsauftrag umfassend zu erfüllen, die Loyalität der Bevvölkerung und der Zuweiser zu erhalten und die Patienten zu überzeugen, dass sie auch wohnortnah medizinisch optimal versorgt werden können. Es ist nicht geplant, Patienten aus anderen Regionen abzuwerben. Wohl aber wollen wir uns mit anderen Regionen in der Ergebnisqualität messen. Künftig wird es eher weniger Krankenhauspatienten geben, weil die Medizin zunehmend ambulanter wird.

Wird es Zusammenschlüsse mit weiteren Partnern geben?

Das primäre Motiv ist nicht, wie ein Wirtschaftsunternehmen zu wachsen. Das ist das Schöne an den kommunalen Häusern. Vielleicht wird aber irgendwann aus einzelnen kommunalen Clustern ein großes hessenweites Matrixzentrum entstehen. Damit würde die Öffentlichkeit wieder mehr Einfluss auf die Gestaltung der Gesundheitsarchitektur gewinnen.

Die Fragen stellten Ingrid Karb und Jens Joachim.

Im Gespräch: Friedrich Grimminger, Ärztlicher Direktor des Gesundheitszentrums Wetterau

Zurück zur Newsübersicht