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Pressespiegel & Aktuelles - Archiv von Wolfgang Schuster

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Das "Schmiermittel" der Wirtschaft

Wirtschaftsstandort Lahn-Dill-Kreis: das Geld

Dillenburg/Haiger/Herborn/Wetzlar. Wirtschaft funktionierte in Urzeiten über den Tausch von Waren, heute wird mit Geld bezahlt. Außerdem brauchen Unternehmen Geld, um zu investieren, um zu wachsen. Meist leihen sie das Geld. Größter Kreditgeber an die Wirtschaft im Lahn-Dill-Kreis ist die Sparkasse Wetzlar. Ein Interview mit dem Vorstandsvorsitzenden der Sparkasse, Klaus-Jörg Mulfinger, über Geld und Wirtschaft.

Mulfinger ist seit 1998 Chef der Sparkasse Wetzlar. Im Sommer wechselt der 56-Jährige zur Helaba Landesbank Hessen-Thüringen, er soll Generalbevollmächtigter und Vorstandsmitglied werden.

Herr Mulfinger, wie viel Geld leiht die Wirtschaft von der Sparkasse Wetzlar?

Klaus-Jörg Mulfinger: Wir haben zurzeit 1,5 Milliarden Euro an die Wirtschaft und an Privatpersonen im Altkreis Wetzlar ausgeliehen. Das ist der Bestand. Mehr als die Hälfte sind Kredite an Gewerbetreibende. Jedes Jahr leihen wir etwa 200 Millionen Euro neu aus.

Wer ist im Lahn-Dill-Kreis der größte Geldgeber für die Wirtschaft?

Mulfinger: Die Sparkasse Wetzlar ist der größte Finanzierer. Commerzbank und Deutsche Bank spielen hier keine große Rolle. Wir begegnen ihnen hier im gewerblichen Bereich kaum noch als Konkurrenz.

Wofür brauchen die Unternehmen das von ihnen geliehene Geld?

Mulfinger: Um zu investieren. Sie investieren in Gebäude oder in Maschinen, wenn sie sich vergrößern wollen. Und sie brauchen auch Geld für den laufenden Betrieb, um Waren kaufen zu können.

Was sind das für Unternehmen, die Geld bei der Sparkasse leihen?

Mulfinger: Das beginnt beim kleinen Handwerker und der Frau, die Tupperwaren verkauft, und geht bis Leica als prominentestem Beispiel.

Können Sie von den Krediten, die Sie vergeben, auch etwas über die Lage der Wirtschaft ableiten?

Mulfinger: Ja. Wir lassen uns ja von den Unternehmen berichten, wie es ihnen geht - dazu sind wir per Gesetz verpflichtet.

Und die Höhe der Kredite, sagt sie etwas über den Zustand der Wirtschaft aus?

Mulfinger: Wenn es der Wirtschaft gut geht, wird mehr investiert. Zurzeit läuft die Wirtschaft hier bei uns im Normalmodus.

Wo bekommt die Sparkasse das Geld her, das sie an Unternehmen verleiht?

Mulfinger: Ausschließlich von Kunden hier im Kreis. 1,6 Milliarden Euro haben sie zum Beispiel auf Sparbüchern oder in Sparbriefen angelegt. Wir spekulieren mit dem Geld nicht in Amerika, sondern wir geben das Geld hier als Kredite aus. 70 Prozent unserer Bilanzsumme (die Bilanzsumme betrug voriges Jahr 2 Milliarden Euro; Anm. d. Red.) sind als Kredite angelegt.

Wie sichern Sie ab, dass das Geld auch zurückgezahlt wird?

Mulfinger: Entscheidend sind unsere langjährigen Verbindungen zu den Unternehmern. Man kennt den Kunden. Und wir nehmen Einsicht in die Bilanzen der Firmen. Bei langfristigen Krediten sichern wir uns zum Beispiel auch über Grundschulden oder Übertragung des Warenlagers ab.

Und wenn Unternehmen nicht mehr zurückzahlen?

Mulfinger: Das kommt vor. Dann müssen wir das verliehene Geld als Verluste abschreiben. Aber dafür sind ja die Zinsen - das Entgelt für die Übernahme von Risiken.

Wie oft müssen Sie Kredite abschreiben?

Mulfinger: Eine Zahl kann ich nicht nennen. Aber wir haben jedes Jahr Abschreibungen. Wir sind in einer Marktwirtschaft, und da scheiden auch Unternehmen aus. Wie viele es sind, das hängt von der Konjunktur ab.

Zu welchen Zinsen vergeben Sie die Kredite an Unternehmen?

Mulfinger: Zwischen einem und zwölf Prozent. Das ist unterschiedlich. Es hängt von der Bonität der Firmen ab. Wenn Firmen keine Sicherheiten bieten können, geht es in den zweistelligen Bereich. Und bei Investitionen zum Energiesparen sind es ein Prozent.

Wie läuft so eine Kreditvergabe an Unternehmen ab?

Mulfinger: Die Unternehmer rufen uns an oder wir klären das bei den Jahresgesprächen.

Was heißt Jahresgespräch?

Mulfinger: Wir gehen jedes Jahr zu den Unternehmern. Dann wird besprochen, was sie vorhaben, ob der Kredit ausreicht und wie sie finanzieren wollen. Danach beginnt unsere Prüfung: Was kostet die Investition des Unternehmens? Wie viel Eigenkapital hat es, welche Sicherheiten? Wie lange soll das Darlehen laufen? Anschließend machen wir ein Kreditangebot. Das nimmt der Kunde an oder wir verhandeln nach, bis ein unterschriftsreifer Kreditvertrag vorliegt. Entscheidend für die Kreditvergabe ist immer die Bonität des Kunden.

Wie bewerten Sie die Bonität der Unternehmen?

Mulfinger: Bei Unternehmen spielt das Rating eine große Rolle. Wir machen eine Bilanzanalyse, bewerten die Unternehmenszahlen und die Qualität des Managements nach festen Kriterien. Daraus werden nach einem von der Bundesbank und der Bankenaufsicht Bafin zertifizierten Verfahren die Ratingpunkte berechnet: von 1, für die beste Bonität, bis 18. Das machen alle Sparkassen so.

Brauchen alle Unternehmen Kredite?

Mulfinger: Nein. Es gibt auch Unternehmen, die ein hohes Eigenkapital haben. Aber das sind die wenigsten.. Sie können davon ausgehen, dass fast jedes Unternehmen Bankkredite hat.

Wie sind Banken und die Wirtschaft sonst miteinander verflochten?

Mulfinger: Die Wirtschaft funktioniert nicht ohne Banken. Wir sind das Schmiermittel. Wir übernehmen Risiken, die Unternehmen nicht alleine tragen können - und dafür verlangen wir einen Zins. Teilweise sind Banken auch Eigentümer von Unternehmen, wir nicht. Der Zahlungsverkehr der Wirtschaft läuft über Banken ab. Und teilweise sind wir in Aufsichtsräten von Unternehmen beratend tätig. Wir sehen uns als Hausärzte für mittelständische Unternehmen.

Wie wirkt sich eine Krise der Banken auf die Wirtschaft aus?

Mulfinger: Das hat man ja im Krisenjahr nach Lehman gesehen (die New Yorker Bank Lehman Brothers war im September 2008 pleite und musste Insolvenz anmelden); Anm. d. Red.). Banken, die keine ordentliche Refinanzierung haben, die sich immer nur von anderen Banken Geld geliehen haben und es dann nicht mehr konnten, mussten die Kredite an Unternehmen kündigen. Diese Gefahr besteht bei Sparkassen und Genossenschaftsbanken nicht, weil wir mehr Geld von Kunden als Kredite haben. Im Krisenjahr, als Banken ihre risiko-haften Kredite eingezogen haben, haben wir unser Kreditvolumen sogar ausgeweitet.

Und umgekehrt: Wie wirkt sich eine Wirtschaftskrise auf die Banken aus?

Mulfinger: Bei uns in der Sparkasse relativ stark, weil wir sehr viele Kredite an Wirtschaftsunternehmen vergeben haben. Dann haben wir hohe Abschreibungen. Wir sind vom Konjunktur-Zyklus abhängig. Aber das Refinanzieren der Verluste ist kein Problem. Wir haben so viel Eigenkapital, dass wir das Risiko verkraften können. Andernfalls teilen wir das Risiko. Ein Beispiel: Die Finanzierung des Leica-Neubaus (das Projekt kostet 55 Millionen Euro; Anm. d. Red.) in Wetzlar wird von vier Sparkassen getragen - damit haben wir auch das Risiko geteilt.

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