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Pressespiegel & Aktuelles - Archiv von Wolfgang Schuster

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Genossen feiern „einen von uns“

SPD-Chef Sigmar Gabriel gedenkt seinem Vorgänger August Bebel

VON STEFFEN GROSS

Wetzlar. Sozi zu sein, hat schon mehr Spaß gemacht. Demoskopen sagen der SPD für die Bundestagswahl ein neues Allzeittief voraus. Da ist es gut fürs Selbstbewusstsein, wenn man sich auf große Traditionen berufen kann. In der zentralen Gedenkfeier anlässlich des 100. Todestages am 13. August erinnerten die Genossen mit SPD-Chef Sigmar Gabriel am Montagabend in der Stadthalle an ihren Gründervater August Bebel.

Sigmar Gabriel wirkt entspannt. Braun gebrannt ist er, offensichtlich gut erholt. Zum grauen Anzug leuchtet die für Genossen obligatorische rote Krawatte diesmal besonders kräftig. An diesem Abend bleibt der Wahlkampf (beinahe) vor der Tür. Hier an der Basis im Saal ist man dem Bundesvorsitzenden aus Goslar ohnehin wohlgesonnen. Der aufbrandende Applaus der gut 500 macht es deutlich, als „Genosse Boss“ Einzug hält.

Alles, was auf den SPD-Ebenen unter Gabriel Rang und Namen hat, ist gekommen: Neben dem hiesigen Europa-Abgeordneten Udo Bullmann, Landrat Wolfgang Schuster und der Bundestagskandidatin für Lahn-Dill, Dagmar Schmidt, sitzen unter anderem Ex-Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul und der stellvertretende Landesvorsitzende Gernot Grumbach aus Südhessen in der ersten Reihe. Der Landrat hat eigens für Gabriel den Kirmes-Montag in seinem Heimatort Driedorf sausen lassen. Zum ersten Mal, bekennt er. Wenn das keine Wertschätzung ist!

Doch bevor der Bundesparteichef an der Reihe ist, gehört die Bühne der Wetzlarer Stadtarchivarin Irene Jung, die ihr geballtes Wissen über August Bebels Kinder- und Jugendjahre in Wetzlar in einen spannenden und kurzweiligen Vortrag presst. Schließlich lebte der spätere „Kaiser der Arbeit“, Widersacher Bismarcks und eben Mitbegründer der SPD gute elf Jahre – und damit um ein Vielfaches länger als Goethe – in der Domstadt, besuchte hier die Schule und durchlief eine Drechslerlehre. Bebels Erfahrungen in Mittelhessen sollten auch sein späteres politisches Wirken stark beeinflussen.

Für den amtierenden SPD-Chef ist das Wissen um seinen berühmten Vorgänger natürlich Pflicht. Doch Gabriel weiß in seinem anschließenden Vortrag „Baumeister der Demokratie“ durchaus mit Detailkenntnissen über Bebel zu beeindrucken. Etwa über Bebels allmähliche Annäherung an seinen Gegner Ferdinand Lassalle, über seinen Einsatz für die Gleichberechtigung der Frau oder die Pionierleistung auf dem Gebiet der erneuerbaren Energien. Denn schon 1879 schrieb Bebel über die Sonnenwärme als Energiequelle. Warum der Parteigründer das ausgerechnet in seinem Buch „Die Frau und der Sozialismus“ tat? Darüber konnte auch Gabriel nur spekulieren.

„Es sind oft die kleinen Leute in der SPD gewesen, die Großes geleistet haben“

Die Gegenwart ist hart zu den Sozialdemokraten, doch die Vergangenheit schlug einige Male noch viel härter zu: Lebensbedrohlich in den Zeiten der Parteiverbote. Auf die vielen Aufrechten in ihren Reihen, allen voran Otto Wels, sind die Genossen im Jahr des 150-jährigen Bestehens ihrer Partei, des 100. Todestags von Bebel und des 100. Geburtstags von Willy Brand stolz. „Es sind oft die kleinen Leute in der SPD gewesen, die Großes für ihr Land geleistet haben“, sagt Gabriel: „Herkunft hat nichts mit Haltung zu tun.“ Und dann blitzt doch noch der Wahlkämpfer auf. Was man von Bebel unter anderem lernen könne, sagt Gabriel, sei: „Für bessere Bedingungen kämpfen und Missstände nicht einfach hinnehmen.“

Empfangen worden war der Parteichef noch im Foyer der Stadthalle von Vertretern der Wetzlarer Tafel mit einer Protestaktion. Im Gespräch mit dem Vorsitzenden Harald Würges erfuhr Gabriel von den Geldsorgen und dem drohenden Aus der Einrichtung. Als „Schande für unser Land“ bezeichnete es der SPD-Politiker, dass aufgrund prekärer Beschäftigungsverhältnisse immer mehr Menschen trotz Vollzeitarbeit ihren Lebensunterhalt nicht mehr bezahlen können. Er sei ganz klar für die Tafeln und deren Erhalt, allerdings dürfe die finanzielle Last nicht allein den Kommunen aufgebürdet werden. Die Kürzung von Bundesmitteln müsse rückgängig gemacht werden.

„Brüder, zur Sonne, zur Freiheit …“, mit dem Arbeiterlied endet für Gabriel der Abend in der Stadthalle. Daraufhin wechselt er für einen 20-minütigen Abstecher in die Sonderausstellung „Einer von uns – August Bebel und Wetzlar“ im Stadt- und Industriemuseum. Die wenigen Meter um die Ecke legt der SPD-Chef gemeinsam mit Landrat Schuster zu Fuß zurück. Zeit für einen Plausch.

Empfangen werden die Genossen von Oberbürgermeister Wolfram Dette (FDP) und Kuratorin Angela Bösl. Wissbegierig lässt sich Gabriel durch die Bebel-Schau führen, und wieder ist ihm erstaunlich vieles schon bekannt. Nicht aber, was ihm Dette dann verrät: Am Wetzlarer August-Bebel-Platz befanden sich zu Zeiten der sozialliberalen Koalition in der Stadt die Geschäftsstellen von SPD und FDP unter einem Dach. Im Untergeschoss die Liberalen, oben die Genossen ...

Wetzlarer Neue Zeitung vom Mittwoch, 14. August 2013, Seite 17

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