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Pressespiegel & Aktuelles - Archiv von Wolfgang Schuster

Beachten Sie bitte, dass dieser Artikel vor 3586 Tagen veröffentlicht wurde.

Gesundheitsweise empfehlen ANR

Arzt-Notruf im Lahn-Dill-Kreis ist ein Vorbild, steht aber vor dem Aus

Wetzlar/Dillenburg/Berlin. Die so genannten Gesundheitsweisen, sieben Professoren, haben ein Gutachten erstellt und kürzlich in Berlin dem Bundesgesundheitsminister überreicht. Darin empfehlen sie zur Notfallversorgung von Patienten ein Konzept, das es im Lahn-Dill-Kreis bereits als Arzt-Notruf (ANR) gibt. Dennoch fordert die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Hessen weiterhin die Schließung des ANR zum Jahresende.

Der "Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen" gibt in seinem Gutachten auch eine Empfehlung ab. Dort heißt es: "Eine zentrale Leitstelle mit einheitlicher Notdienstnummer für alle Patientenanliegen kann über die problemadäquate Versorgungsebene entscheiden und so zur Entlastung und Vermeidung von unnötiger Inanspruchnahme einer zu spezialisierten Versorgungsebene (z. B. Rettungsdienst) führen." Im Lahn-Dill-Kreis gibt es bereits eine solche Leitstelle mit einheitlicher Telefonnummer für alle Patientenanliegen: den Arzt-Notruf (siehe unten).

Laut ANR werden im Lahn-Dill-Kreis durch die Hinweise der Ärzte in der Leitstelle pro Jahr etwa 2000 unnötige Rettungswagen-Einsätze und somit Fehlfahrten vermieden.

Und das Münchener Institut für Gesundheitsökonomik hatte bereits 2009 in einem Gutachten festgestellt: Der ANR helfe, jährlich bis zu 109 Todesfälle zu vermeiden.

Allerdings hat die Kassenärztliche Vereinigung Hessen, also die Vertretung der niedergelassenen Ärzte, die ANR-Vereinbarung mit dem Kreis - und somit die finanzielle Unterstützung für das Projekt - gekündigt. Für den ANR im Lahn-Dill-Kreis kommt damit das Aus zum 31. Dezember dieses Jahres. Die KV hatte vergangenes Jahr beschlossen, hessenweit eine einheitliche Lösung durchzusetzen: Patienten sollen sich an Wochenenden, nachts und feiertags, also wenn die Hausarztpraxen zu sind, an zwei für ganz Hessen zuständige Call-Center (in Frankfurt und Kassel) wenden.

Befürworter hat der ANR dagegen in der Politik, sowohl auf Landes-, als auch auf Kreisebene. CDU-Landtagsabgeordneter Hans-Jürgen Irmer spricht bei der KV-Entscheidung von einem "deutlichen Rückschritt" und einem "Spiel mit dem Leben von Menschen".

"Wir alle wissen, dass das Modell Lahn-Dill die bessere Lösung ist"

Der Marburger SPD-Landtagsabgeordneter Thomas Spies, selbst gelernter Arzt, sagte gegenüber dem Hessischen Rundfunk: "Wir alle wissen, dass das Modell Lahn-Dill die bessere Lösung ist. Die KV denkt entweder nur ans Geld oder will ihr neues Modell auf Biegen und Brechen durchziehen."

Auch der hessische Landkreistag hatte den ANR bereits als Vorbild für ganz Hessen eingestuft. Und der Kreistag im Lahn-Dill-Kreis sprach sich Ende Juli einstimmig für den Erhalt des ANR aus.

In der kommenden Woche, am Mittwoch, soll es laut Landrat Wolfgang Schuster (SPD) noch ein Gespräch über die Zukunft des ANR geben. Mit dabei: Vertreter des Kreises, des ANR und der KV.

- Das Gutachten der Gesundheitsweisen steht im Internet, die Empfehlung ist unter Punkt 694 aufgelistet: www.svr-gesundheit.de/fileadmin/user_upload/Aktuelles/2014/SVR-Gutachten_2014_Langfassung01.pdf

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Arzt-Notruf (ANR)

In Notfällen sollen Verletzte bzw. Patienten stets die 112 anrufen, sie erreichen dann einen Disponenten in der Rettungsdienst-Leitstelle. Wenn Patienten aber an Wochenenden, nachts oder feiertags – wenn die Hausarztpraxen zu sind – nur „normale“ ärztliche Hilfe brauchen, können sie sich im Lahn-Dill-Kreis an den Arzt-Notruf (ANR), einen Zusammenschluss von rund 240 Ärzten im Kreis, wenden. Sie rufen dann die & 1 92 92 an und erreichen so einen Arzt, der ebenfalls in der Rettungsdienstleitstelle in Wetzlar sitzt. Der Arzt kann entscheiden, ob sich der Patient selbst zum Beispiel mit Medikamenten helfen kann oder ob er ärztlich versorgt werden muss. Er kann ihn gegebenenfalls an einen Dienst habenden Arzt oder an ein Krankenhaus verweisen. Oder er kann – wenn er einen Notfall erkennt – einen Notarzt verständigen. 2015 sollen diese Patienten zu diesen Zeiten ein Call-Center in Kassel bzw. Frankfurt anrufen (& 11 61 17). Dort ist ein Arzt im Hintergrund beratend tätig. Diese Call-Center sind für ganz Hessen zuständig. (jli)

Standpunkt

VON JÖRGEN LINKER

Entscheidung der KV Hessen

Sturheit auf Kosten der Gesundheit

Das ist selten. Politiker aller Parteien sind sich einig, im Lahn-Dill-Kreis und in Hessen: Sie fordern den Fortbestand des Arzt-Notrufs (ANR) im Lahn-Dill-Kreis, sie sehen das Projekt sogar als Vorbild für andere Regionen. Und das sehen nicht nur die Politiker so, sondern auch die Ärzte im Lahn-Dill-Kreis und Professoren aus dem gesamten Bundesgebiet. Sie empfehlen das Konzept eines Arztes in der Leitstelle.

Warum also will die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Hessen das Ende des Arzt-Notrufs? Warum beharrt die KV auf zwei Call-Centern für alle Patienten in Hessen? Der KV-Vorstand will eine einheitliche Lösung für Hessen, und der ANR sei dafür „kein geeignetes Modell“.

Das ist ein dürftiges Urteil, wenn ein Sachverständigenrat, ein Institut für Gesundheitsökonomik, der hessische Landkreistag, die Ärzte im Lahn-Dill-Kreis, Landespolitiker und Kreispolitiker das Gegenteil behaupten.
Die KV beharrt stattdessen auf zwei Call-Centern als einzige Lösung für ganz Hessen. Ausnahmen werden nicht geduldet. Das ist Sturheit. Auf Kosten der Gesundheit der Patienten.

Allerdings regt sich bislang kein Protest der Patienten aus dem Lahn-Dill-Kreis.

Ist den Bürgern ihre medizinische Versorgung egal?

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