Mit Vollgas auf die Datenautobahn

BREITBAND "Media Forum" klärt 300 Besucher über schnelleres Internet im Kreis auf

Dillenburg. Bewegt sich die Region an Lahn und Dill künftig weiter auf dem digitalen Feldweg voran oder rauscht sie auf der Überholspur der Datenautobahn vorbei? Das haben rund 300 Besucher des "Media Forums 2013" am Dienstagabend in der Dillenburger Stadthalle erfahren.

Die gute Resonanz machte es deutlich: Es ist ein Anliegen vieler Bürger und Institutionen, dass ein schnelles Internet für alle - Unternehmen, Behörden und Privatleute - keine Zukunftsvision mehr sein darf, sondern schon binnen eines kurzen Zeitraumes Wirklichkeit werden muss.

Um die Bedeutung des schnellen Ausbaus der Breitbandverkabelung vor allem im Lahn-Dillkreis und im Hinterland darzustellen, hatte der Verein "media Lahn-Dill e.V." namhafte Referenten gewonnen, allen voran den Hessischen Wirtschaftsminister Florian Rentsch, der den Verantwortlichen in Mittelhessen in seinem Referat attestierte, dass sie auf dem richtigen Weg seien.

Ziel ist es, eine flächendeckende Versorgung mit 50 m/bit zu erreichen

"Hochbitratige" Internetzugänge seien technische, wirtschaftliche und soziale Infrastruktur, darüber hinaus Basis für Innovation und Wachstum. Die Landesregierung habe mit dem Projekt "Mehr Breitband in Hessen" frühzeitig Maßnahmen ergriffen, um die Zukunfts- und Wettbewerbsfähigkeit des Landes zu sichern. Der hessische Erfolg beruhe darauf, alle am Breitband beteiligten Akteure im Konsens zusammenzuführen. Das Land helfe mit Koordinierungs- und Beratungsleistungen sowie günstigen Krediten. Dies ermögliche Lösungen, wo die Erschließung für kommerzielle Unternehmen allein nicht profitabel sei. Er lobte die Aktivitäten von Landrat Wolfgang Schuster, "der den Ausbau der Breitbandverkabelung zur Chefsache erklärt hat." Das funktioniere aber nur, "wenn alle an einem Strang ziehen", betonte Rentsch. Das sei im Bezirk der Industrie- und Handelskammer Lahn-Dill der Fall. In diesem Zusammenhang stellte der Wirtschaftsminister vor allem Kammerpräsident Uwe Hainbach und den stellvertretenden Hauptgeschäftsführer der IHK Lahn-Dill Burkhard Loewe, heraus.

Insgesamt stehe Hessen auf diesem Sektor gut da, erklärte Florian Rentsch, allerdings gäbe es noch große Unterschiede bei der Versorgung mit schnellem Internet zwischen den städtischen Ballungsräumen und dem ländlichen Raum. Ziel sei es, eine flächendeckende Versorgung mit 50 m/bit zu erreichen, damit auch der ländliche Raum sowohl für Unternehmen als auch junge Menschen attraktiv bleibe.

"Wir können so auch den Herausforderungen der Demografie begegnen." Rentsch wies auf ein 200-Millionen-Euro schweres Landesprogramm hin, "mit dem die Regierung den vor Ort Agierenden helfen will." Der Ausbau dieser Infrastruktur koste viel Geld, bekannte der Minister. Er hoffe aber, das sich gerade über die Möglichkeiten und Chancen, die ein schnelles Internet in der Zukunft auf den unterschiedlichsten Ebenen biete, einige strukturelle Probleme des ländlichen Raumes zumindest teilweise lösen ließen. In diesem Zusammenhang nannte er die so genannte Telemedizin, mit der zumindest eine Teillösung für Menschen in Dörfern geschaffen werden könne, in denen sich kein Arzt niederlassen wolle.

Was an digital gut versorgten Standorten wie Frankfurt möglich sei, machte Rentsch am Beispiel des Spiele-Herstellers Dr. Florian Stadlbauer klar. Den gebürtigen Badener ernannte der Wirtschaftminister zum "Serious Game"-Beauftragten Hessens.

Stadlbauer, der bereits als Jugendlicher mit einem kleinen Kredit seiner Eltern sein erstes Unternehmen gegründet habe, sei ein Beleg dafür, dass es Spiele im Internet gäbe, "die man nicht spielt, um die Zeit totzuschlagen, sondern die auf vielen ernsthaften Sektoren kreativ eingesetzt werden können." Dr. Florian Stadlbauer sei "das Gesicht dieser Branche". Er habe viele Arbeitsplätze geschaffen und strahle auf viele weitere Wirtschaftsbereiche aus - auch über das Rhein-Main-Gebiet hinaus. "Sie haben die Computerspiele aus der Ecke des reinen Zeitvertreibs herausgeholt", bescheinige Rentsch dem Unternehmer.

Professionelle Hilfe auf diesem Weg bot Christian Zieske vom Breitbandbüro des Bundes in Berlin an. Er machte keinen Hehl daraus, dass zur Realisierung des Zieles 50 m/bit viel Geld benötigt werde. "Wir brauchen aber auch Enthusiasten", betonte er mit Blick auf das Engagement in der Region Lahn-Dill. Viele der Möglichkeiten, die sich in der Zukunft durch die Breitbandverkabelung böten, "können wir uns heute noch nicht vorstellen", prophezeite Zieske. Aber er sei sicher, dass sich das auch monetär niederschlage. "Glasfaser ist das Benzin des 21. Jahrhunderts."

Auf geänderte Verhaltensweisen der Nutzer des Internets ging Bettina Klumpe, Geschäftsführerin des Marktforschungs-Institutes Enigma-GfK in Wiesbaden, ein. "Die User verlieren sich nicht mehr wie am Anfang im Netz, sondern wissen genau, was sie suchen", betonte sie. Vor 15 Jahren habe man noch nicht geahnt, welche Entwicklung das Internet einmal nehmen werde. Die Nutzer seien multimedial im Internet unterwegs, sich zu informieren sei nicht mehr alleiniges Ziel. Es gehe auch darum, einzukaufen oder Kontakte zu knüpfen. Und die Entwicklung sei noch nicht am Ende. "Alle sind aufgefordert, Angebote zu machen, die von den Menschen angenommen werden", betonte sie. Und das in jeder Hinsicht so schnell wie möglich.

Wie man binnen Sekunden von Dillenburg nach Dortmund kommt, verdeutlichte Wolfgang Schuster, der zu Beginn seines Vortrages die Besucher via Smartphone über den Zwischenstand im Spiel von Borussia Dortmund gegen Donezk informierte. Diese schnelle Kommunikation funktioniere allerdings nicht in allen Bereichen so gut, machte der Landrat aber auch deutlich.

Weil die Telekom nur nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten ihr Netz ausbaue, drohe der Region an Lahn und Dill die "digitale Abspaltung". Diese, habe man ihm bei der Telekom erklärt, lasse sich durch eine Investition der öffentlichen Hand in Höhe von 28 Millionen Euro verhindern. "Wir sind doch nicht mit dem Klammerbeutel gepudert", erwiderte Schuster. Wenn man hierzulande nicht selbst die Initiative ergreife, "nimmt die Region Schaden." Nicht nur die Wirtschaft des am stärksten industrialisierten Kreises Hessens, sondern auch der private Bereich. Wenn es nicht gelänge, Mittelhessen mit schnellem Internet zu versorgen, seien viele Häuser künftig nicht mehr an junge Familien zu verkaufen. Alleine hier rechnete Schuster einen Schaden von mehr als 850 Millionen Euro vor. "Das ist die Realität."

"Wenn wir nichts tun", betonte der Landrat, "dann wird es am teuersten." Deshalb wolle die von ihm angestoßene Initiative "die Basis schaffen, dass die Wirtschaft überleben kann." Er bat alle Bürgermeister im Saal, dafür zu sorgen, dass bei jedem Straßenaufbruch Leerrohre für Glasfaserkabel eingebaut werden.

Ziel sei es nicht, "dass wir damit Geld verdienen", betonte Wolfgang Schuster. Allerdings müsse die Investition binnen eines gewissen Zeitraumes getilgt werden. Angesichts der aktuellen Diskussionen in den Städten und Gemeinden über den Beitritt zur Breitbandinitiative sei er optimistisch, "dass 21 Kommunen aus dem Lahn-Dill-Kreis mitmachen werden."

Noch in diesem Jahr soll die erste Glasfaser in den Boden verlegt werden

Er rechne damit, dass es innerhalb von drei bis vier Jahren gelingen werde, die mehr als 500 Kilometer Leerrohre zu verlegen und die notwendigen Kabelverzweiger zu installieren, hoffte der Landrat. Kritikern, er gehe zu schnell vor, hielt Schuster entgegen: "Wir haben keine Zeit mehr!" Allerdings sei es wichtig, dass das Projekt finanziell auf sicheren Füßen stehe.

Denn: "Die Lahn-Dill-Breitband GmbH darf nicht der Nürburgring des Landrats werden." Im Gespräch mit Matthias Decher betonte er, dass auf den einzelnen Bürger keine Kosten zukämen. Die Erlöse sollten alleine aus der Vermietung des Netzes generiert werden. Die Initiative sei alternativlos, "denn hinter jedem Hügel findet sich bei uns ein hochleistungsfähiges Unternehmen. Und diese Stärke müssen wir erhalten", forderte Schuster abschließend.

Das "Media Forum" habe gezeigt, so der stellvertretende Hauptgeschäftsführer der IHK Lahn-Dill, Burkhard Loewe, bilanzierend, "dass wir auf dem richtigen Weg sind." Er machte aber auch deutlich, "dass wir die Solidarität der Region brauchen." Loewe bat um positive Begleitung des Projektes, "damit noch in diesem Jahr das erste Glasfaser in den Boden verlegt werden kann."

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