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Lahn-Dill-Kreis

Sozialdezernent Günther Kaufmann-Ohl: "Verschuldungsneigung" bestimmter Jahrgänge nicht feststellbar

Schuldnerberatung des Lahn-Dill-Kreises legt Jahresstatistik 2006 vor

Wetzlar/Dillenburg, 1. März 2007
Trotz unverändertem Personaleinsatz konnte die Kreis-Schuldnerberatung ihre Fallzahlen gegenüber dem Vorjahr (434) erneut steigern: 561 laufende Beratungsfälle wurden 2006 gezählt. Zuzüglich der 213 sog. Kurzberatungsfälle - bis zu zwei Beratungskontakte - wurden so 774 Lahn-Dill-Haushalte erreicht. Nach Auskunft des für die Schuldnerberatung zuständigen Dezernenten, Ehrenamtlicher Kreisbeigeordneter Günther-Kaufmann-Ohl, waren hinsichtlich der Klientenstruktur im vergangenen Jahr keine signifikanten Veränderungen sichtbar geworden. Bis auf drei Ausnahmen, die gleichzeitig als Problemanzeigen zu werten sind: Die Zahl allein erziehender Frauen stieg auf 8,3 %, die Zahl der Ratsuchenden mit ausländischer Staatsangehörigkeit kletterte auf 15,8 % und 23,8 % aller Klienten verfügten nicht über eine Berufsqualifizierende Ausbildung.

Praktisch unverändert zeigt sich das Bild der sog. Überschuldungsgründe: Mit 27 % rangiert nach wie vor die "Arbeitslosigkeit" als Auslöser von Zahlungsunfähigkeit, gefolgt von "Trennung/Scheidung" mit 15 %, "gescheiterte Immobilienfinanzierung" mit 10 %, "gescheiterte Selbständigkeit" mit 10 %, "Bürgschaft/Mithaftung" mit 9 % und "Erkrankung/Unfall" mit 7 %.

Hartmut May, Leiter der Schuldnerberatungsstelle des Lahn-Dill-Kreises, wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass eine wie im "Schuldenkompass der Schufa" ausgewiesene "Verschuldungsneigung", die besonders bei den 25 bis 30-jährigen ausgeprägt sein soll, durch die Daten der Schuldnerberatung nicht bestätigt werden könne. Diese Gruppe repräsentiere 18 % der Ratsuchenden, während die Kohorte der 31 bis 40-jährigen 30 %, und die Gruppe der 41 bis 50-jährigen sogar 31 % ausmache. Bei den jüngeren Jahrgängen sei zudem zu beachten, dass in diesen Jahrgängen das Ereignis der Haushaltsgründung wesentlich sei, die Einkommen der Jüngeren noch niedrig seien und häufig "aufgrund der Flexibilitätsanforderungen im Arbeitsleben", ein PKW angeschafft werde.

Die gesamte Art des Wirtschaftens in Deutschland fuße auf Kredit, und ohne dass Privatpersonen das Risiko der persönlichen Kreditaufnahme auf sich nähmen, laufe die Wirtschaft nicht rund. Der aktuelle Monatsbericht der Deutschen Bundesbank weise in dem Zusammenhang aus, dass erst im vergangenen September die Summe der in der BRD gewährten Ratenkredite mit 131,4 Mrd. EURO einen neuen historischen Höchststand erreicht habe. Vor diesem Hintergrund gleiche das Engagement der Schuldnerberatung fast dem sprichwörtlichen "Kampf gegen Windmühlenflügel".

Trotzdem, so Günther Kaufmann-Ohl, habe die Schuldnerberatung des Lahn-Dill-Kreises eine hervorragende Bilanz aufzuweisen und in einer nochmaligen Steigerungsbewegung einer Vielzahl von Einzelpersonen und Haushalten im Lahn-Dill-Kreis eine positive Zukunfts- und Lebensperspektive eröffnet:

So konnten 350 Privatpersonen samt ihren verbundenen Haushalten effektiv entschuldet werden. 42 Mal war es dabei möglich, eine außergerichtliche Einigung mit den Gläubigern zu erreichen. In 218 Fällen wurde es nötig, schließlich ein Verbraucherinsolvenzverfahren zu beantragen. Damit kamen 70 % der beim Insolvenzgericht in Wetzlar beantragten  Fälle aus der Kreis-Schuldnerberatung.

Dass sich die Schuldnerberatungsarbeit unter dem Strich lohnt, machen die Ergebnisse nach Beratungsschluss deutlich:

  • in 330 Fällen konnte eine Stabilisierung der wirtschaftlichen Situation erreicht werden
  • in 208 Fällen führte die Beratung zur Einstellung bzw. Verhinderung von Lohn- und Kontopfändungen
  • in 121 Fällen konnte eine unwirtschaftliche Haushaltsführung bzw. ein solches Konsumverhalten korrigiert werden
  • in 27 Fällen wurde eine von Kündigung bzw. Räumung bedrohte Wohnung gesichert
  • in 28 Fällen wurde die bedrohte Energieversorgung aufrechterhalten

Da Schuldner noch immer von Gläubigern oder Inkassounternehmen mit Drohgebärden konfrontiert werden und häufig auch unter Schuldzuschreibungen aus ihrem Umfeld leiden, stellen sich z. T. massive Zukunfts- und Versagensängste ein. Allein das Faktum Arbeitslosigkeit führt bereits häufig zu psychosozialen Problemlagen. In etwa einem Drittel aller Fälle wurde deshalb psychosoziale Stabilisierung erfasst.

Im neuen Jahr wird sich die Schuldnerberatung des Kreises auf Wunsch von Dezernent Günther Kaufmann-Ohl an der Bundesstatistik beteiligen, insbesondere um die Vergleichbarkeit der Lahn-Dill-Kreis-Ergebnisse herzustellen. In Hessen wurden statistische Zahlen zuletzt nur hinsichtlich der Verbraucherinsolvenzverfahren veröffentlicht, so dass die Schuldnerberatung sowohl hinsichtlich soziologischer Daten (Verschuldungsursachen, Verschuldungshöhe, Einkommen, Einkommensart etc.) als auch des eigenen Leistungsstands keine Vergleichsmöglichkeiten hatte. Günther Kaufmann-Ohl dazu: "Die Landesregierung hat offenbar kein Interesse an aussagekräftigen Daten zu Verschuldung und Schuldnerberatung."

Und dem Leiter der Schuldnerberatung ist es ein Bedürfnis deutlich zu machen, dass es sich bei der überwiegenden Mehrzahl der Überschuldeten bzw. Zahlungsunfähigen nicht um leichtfertige oder unverantwortliche Menschen handelt, denen das neue Insolvenzrecht etwa einen "Freibrief" erteilt habe. Ganz "umsonst", so Hartmut May, sei die Entschuldung auch im Rahmen eines Verbraucherinsolvenzverfahrens nicht zu haben. Es gälte für die Schuldner und Schuldnerinnen durchaus eine harte Zeit zu überbrücken: Über sechs Jahre müsse jeder Wohnsitz- und Arbeitsplatzwechsel angezeigt werden, jede zumutbare Arbeit müsse angenommen und das pfändbare Einkommen an den Treuhänder abgetreten werden. Außerdem sei im Erbfall, je nach Verfahrensstand das gesamte oder die Hälfte des ererbten Vermögens zur Schuldentilgung einzusetzen.

Die Schuldnerberatungstellen des Lahn-Dill-Kreises sind durch das Regierungspräsidium Gießen als "geeignete Stelle" im Sinne des § 305 InsO (Insolvenzordnung) anerkannt.

35576 Wetzlar, Karl-Kellner-Ring 51
Gunther Agel; Tel. 06441 407-1428; Martin Nissel; Tel. 06441 407-1751;
Gerhard Scheld, Tel. 06441 407-1427; Fax: 06441 407-1053.

35683 Dillenburg, Wilhelmstr. 20
Reiner Haas, Tel. 02771 407-388; Edelhard Mende, Tel. 02771 407-403;
Bernd Scharnweber, Tel. 02771 407-400; Fax: 02771 407-800 (Poststelle).

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