Vom Markt verschwunden

Wirtschaftsstandort Lahn-Dill: Pleiten

Dillenburg/Haiger/Herborn. Viele Unternehmen im Lahn-Dill-Kreis gibt es nicht mehr: Der Autoradio-Hersteller Philipps ist in Wetzlar verschwunden, 1994 die Frank`schen Eisenwerke in Dillenburg und vergangenes Jahr der Küchentechnik-Hersteller Teka im Haigerer Stadtteil Sechshelden. Viele kleinere Unternehmen verschwinden dagegen völlig unbeachtet vom Markt. Meist durch Firmenpleiten. So haben voriges Jahr 217 Unternehmen im Lahn-Dill-Kreis Insolvenz angemeldet.

Im Interview erklären zwei Herborner Insolvenzverwalter, Rechtsanwalt Peter Reh und Wirtschaftsjurist Stephan Boch, Hintergründe zu Unternehmens-Insolvenzen im Lahn-Dill-Kreis.

Herr Reh, Herr Boch, was sind die Gründe für Firmenpleiten?

Peter Reh: Es gibt nicht den einen Grund. Es gibt Branchen, die auf bestimmte konjunkturelle Lagen reagieren. Als zum Beispiel die Automobilbranche Schwierigkeiten hatte, wirkte sich das auch auf die Zulieferer aus. Es kann auch passieren, dass ein Großkunde wegfällt. Oder dass Forderungen wegbrechen, die nicht abgesichert waren. Und es gibt durchaus auch Fehlentscheidungen, zum Beispiel wenn ein Produkt auf dem Markt falsch platziert wird und nicht mehr gefragt ist.

Sind es auch Managementfehler?

Stephan Boch: Selbstverständlich. Beispiel Gastronomie: Man traut sich nicht, die Preise zu erhöhen, obwohl die Kosten für Energie, Löhne und den Einkauf steigen. Dann bleibt zwar der Umsatz gleich, aber der Gewinn bricht weg. Das gilt auch für andere Wirtschaftsbereiche: Es wird zu spät auf Marktveränderungen reagiert - aus Angst vor dem Verlust der Kunden.

Reh: Bei Imbissen und Fast-Food-Betrieben tobt der Preiskampf. Die Billig-Angebote funktioniere nur zum Einstieg, aber nicht langfristig. Dann wird der ein oder andere Betrieb wieder vom Markt verschwinden.

Scheitern immer wieder die gleiche Unternehmer- oder Managertypen?

Boch: Den klassischen Loser im Managerbereich gibt es nicht.

Und Größenwahn und die rosarote Brille?

Reh: Das gibt es zwar, ist aber nicht die Regel. Und hier aus unserer Praxis kennen wir es nicht.

Warum geht im Lahn-Dill-Kreis die Zahl der Unternehmens-Insolvenzen derzeit zurück?

Reh: Man muss das relativieren. Es ist nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen. Es gibt immer noch ein hohes Niveau an Insolvenzen.

Boch: 2008, 2009 und 2010 war ja auch die Hochphase der Wirtschaftskrise. Jetzt hat es sich wieder auf dem Niveau davor eingependelt. Ein langfristiger Rückgang ist aber nicht zu erwarten. Übrigens: Die Zahl der Verbraucherinsolvenzen nimmt im Lahn-Dill-Kreis ständig zu.

Wie können Sie Unternehmen, die Insolvenz angemeldet haben, noch retten?

Reh: Die Frage ist: Ist noch was zu retten? Das hängt davon ab, ob noch Substanz da ist. In einem laufenden Betrieb versuchen wir dann anzupacken: Kosten reduzieren, Personal abbauen - mit einer verkleinerten Belegschaft weitermachen ist die Regel, Kunden beruhigen und deren Vertrauen in das Unternehmen wieder aufbauen. Und später eventuell das Unternehmen an einen Investor übertragen.

Boch: Weiterwursteln wie bisher wird sicher nicht funktionieren.

Als Insolvenzverwalter müssen Sie auch Arbeitnehmer entlassen. Wie verkünden Sie das der Belegschaft?

Boch: In der Regel machen wir schon in einer frühen Phase eine Mitarbeiterversammlung. Denn die Belegschaft ist beunruhigt und will natürlich wissen, wie es weitergeht. Wir informieren dann über den aktuellen Stand und darüber, dass es Insolvenzgeld gibt, also die Gehälter für noch mindestens drei Monate gesichert sind. Kündigungen machen wir schriftlich, händigen die Schreiben aber in Betriebsversammlungen aus - wir wollen uns nicht hinter Briefkästen verstecken.

Reh: Und wenn wir Personal abbauen müssen, müssen wir das Arbeitsrecht zugrunde legen, also eine Sozialauswahl treffen. Das kann aber auch dazu führen dass ein potenzieller Investor abspringt. Hilfreich sind für uns die Betriebsräte. Sie können die Fragen der Arbeitnehmer kanalisieren.

Warum überhaupt ein Insolvenzverfahren und Insolvenzverwalter? Warum mischt sich die Justiz in die Marktwirtschaft ein?

Reh: Um Wildwest-Gebahren im Falle einer Insolvenz zu vermeiden.

Boch: Alle Gläubiger sollen gleich behandelt werden., es soll kein Wettrennen um die letzten Vermögensgegenstände ausgelöst werden. Deswegen wird das Rest-Vermögen unter staatlichen Schutz gestellt.

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