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Pressespiegel & Aktuelles - Archiv von Wolfgang Schuster

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Wenn der Lohn nicht reicht

Kreisweit haben über 9000 Menschen Nebenjobs

Wetzlar (red). Immer mehr Menschen im Lahn-Dill-Kreis brauchen einen Nebenjob: Mehr als 9000 Berufstätige waren im vergangenen Jahr im Kreisgebiet auf einen Mini-Job als zusätzliche Einnahmequelle angewiesen. Das geht aus einer neuen Untersuchung hervor, die das Pestel-Institut in Hannover im Auftrag der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) und der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) vorgenommen hat.

Laut der Untersuchung ist die Zahl derjenigen, die neben ihrer Hauptbeschäftigung noch einen Nebenjob haben, in den vergangenen Jahren im Lahn-Dill-Kreisdrastisch gestiegen: "Blickt man zehn Jahre zurück, so hat es eine Zunahme von mehr als 124 Prozent gegeben", sagt Studienleiter Matthias Günther vom Pestel-Institut. Im vergangenen Jahr hätten nahezu neun Prozent der Beschäftigten im Lahn-Dill-Kreis sich mit einem 400-Euro-Job nebenher etwas dazuverdient.

"Wir haben das Phänomen der Multi-Jobber. Das sind Menschen, die mit dem Geld,das sie in ihrem Hauptjob verdienen, nicht mehr auskommen. Deshalb müssen sie auf einen oder mehrere Nebenjobs ausweichen, um überhaupt noch über die Runden zu kommen. Aus der puren Lust an einer 55- oder 60-Stunden-Woche macht das jedenfalls keiner", betonte Susanne Pitzer-Schild, die Geschäftsführerin des ver.di-Bezirks Mittelhessen.

Sie macht für das "Multi-Jobben" vor allem Niedriglöhne verantwortlich. "Auf der einen Seite werden Stundenlöhne bezahlt, die im Keller sind. Auf der anderen Seite steigen die Lebenshaltungskosten. Das beste Beispiel ist das Wohnen. Hier dreht sich - nicht zuletzt wegen der Heiz- und Nebenkosten - die Preisspirale unaufhörlich nach oben. Da sind Niedrigverdiener gezwungen, nach Feierabend und an den Wochenenden noch einmal zur Zweit-Arbeit zu gehen."

Abhilfe könne nur ein einheitlicher gesetzlicher Mindestlohn schaffen, darin sind sich ver.di und NGG einig. "8,50 Euro pro Stunde - das ist der Mindestpreis, den Arbeit bei uns hat. Wer heute für weniger Geld arbeiten muss, der hat keine Chance, von dem, was er verdient, auch leben zu können", sagte der Geschäftsführer der NGG-Region Mittelhessen, Andreas Kampmann. Er machte deutlich, dass selbst ein Mindestlohn von 8,50 Euro gerade für ein Leben reiche, das "haarscharf über dem Hartz-IV-Niveau" liege. Die generelle Lohnuntergrenze von 8,50 Euro pro Stunde könne daher nur ein Einstieg sein. "Alles darunter bedeutet erhebliche Abstriche beim Lebensstandard. Und vor allem auch ‚Ebbe bei der Rente' - Altersarmut ist so programmiert", so Kampmann. Auch ein 8,50-Euro-Mindestlohn müsse daher rasch in weiteren Schritten angehoben werden.

NGG und ver.di sind gegen regionale Unterschiede bei Lohnuntergrenzen

Eine Absage erteilen ver.di und NGG dem Vorhaben der Bundesregierung, regional unterschiedliche Lohnuntergrenzen einzuführen. "Dann würde Deutschland zu einem ‚Lohn-Flickenteppich'. Das Ziel,das Union und FDP dabei verfolgen, ist klar: Billig-Regionen etablieren, in denen die Arbeit dann überall unter 8,50 Euro Stundenlohn gehandelt wird", so Susanne Pitzer-Schild.

Die ver.di-Geschäftsführerin hält regionale Mindestlohn-Tarifverhandlungen "schlichtweg für nicht machbar, da sich die Arbeitgeber von Lohndrücker-Branchen garantiert nicht an einen Verhandlungstisch setzen würden". Auch wirksame Kontrollen wären bei wechselnden Mindestlohngebieten nicht machbar.

"Beim Mindestlohn gilt: Einer für alle", unterstrich Andreas Kampmann. Der NGG-Geschäftsführer appelliert an Beschäftigte, die heute im Lahn-Dill-Kreis zu einem Niedriglohn arbeiten, beim "Dumpinglohnmelder" unter www.dumpinglohnmelder.de darauf hinzuweisen, um so an der "Deutschland-Billiglohn-Landkarte" mitzuschreiben. NGG und ver.di fordern die Bundesregierung auf, noch vor der Bundestagswahl einen einheitlichen gesetzlichen Mindestlohn von 8,50 Euro einzuführen. CDU/CSU und FDP sollten damit dem Beispiel von SPD und Grünen im Bundesrat folgen.

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